Unser Gesundheitssystem ist längst nicht so exzellent, wie häufig behauptet wird. Seit Jahren werden sowohl der ambulante als auch der stationäre (Krankenhaus) Bereich kaputt gespart. Die Sparmaßnahmen bekommen am Ende immer die Patienten zu spüren. Leidtragende sind wir also alle. Das betrifft insbesondere die teilweise katastrophalen hygienischen Zustände.

Professionelle Hygienemaßnahmen sind sehr teuer. Aber sollte es uns das nicht wert sein? Eine Facharztpraxis ist ohne Privatversicherte heutzutage kaum überlebensfähig. Wenn überhaupt, dann nur mit veralteter Medizintechnik und unterbezahltem Personal. So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Vergütungen durch Gesetzliche Krankenkassen müssen zeitgemäße Medizintechnik, zuverlässige Hygienemaßnahmen und qualifiziertes Personal mit angemessener Bezahlung sicherstellen, auch ohne eine Querfinanzierung durch Privatversicherte.

Paradoxerweise steht unserem Gesundheitssystem ausreichend Geld zur Verfügung. Es wird nur falsch eingesetzt: überteuerte Medikamente, sinnlose Apparatemedizin, und eine konsequente Vernichtung der „sprechenden Medizin“. Oft sind 15-20 Minuten eines intensiven Arzt-Patienten-Gesprächs hilfreicher als Computertomographien, Herzkatheteruntersuchungen oder Magenspiegelungen. Auch die im internationalen Vergleich viel häufiger durchgeführten Operationen tragen ihren Teil dazu bei. Unser Gesundheitssystem ist gegenwärtig so konstruiert, dass nur Apparatemedizin und Operationen belohnt werden. Die „sprechende Medizin“ wird dagegen stiefmütterlich behandelt. Letztlich muss man sich dann auch nicht wundern, wenn unnötige Diagnostik und eigentlich vermeidbare Operationen durchgeführt werden.

Es ist an der Zeit, eine grundlegende Reform unseres Gesundheitssystems in Angriff zu nehmen. Diese muss den Menschen mit seinen Problemen in dem Mittelpunkt stellen. Wir behandeln schließlich keine Röntgenbilder oder Laborwerte sondern Menschen und deren Probleme. Die Vergütung medizinischer Leistungen muss so gestaltet werden, dass die Qualität stimmt und sich die Quantität, also die Anzahl unnötiger Untersuchungen und Eingriffe verringert. Gleichzeitig müssen medizinische Leistungen angemessen vergütet werden.

In den vergangenen 15 Jahren blieb die Vergütung durch Gesetzliche Krankenkassen in vielen Fällen konstant. Die Bezahlung von Einzelleistungen wurde weder an die Inflation, noch an die deutlich gestiegenen Kosten für Personal, Medizintechnik und Hygiene angeglichen. Das führt zwangsläufig zu einer schlechten Qualität oder im schlimmsten Fall zu einem Rückzug vieler Fachärzte aus dem System der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Der Reformvorschlag „GKV-22“ berücksichtigt genau diese Probleme. Zusätzlich soll die „sprechende Medizin“ mit Sondervergütungen gefördert werden. Gesetzliche und Private Krankenversicherungen dürften miteinander konkurrieren. Wettbewerb fördert bekanntermaßen die Qualität und kommt damit auch den Versicherten zu Gute. Die Versicherungen (egal ob privat oder gesetzlich) können vergleichbare Tarife anbieten und die Versicherten können zwischen Privater und Gesetzlicher Krankenversicherung wechseln. Damit würden sich auch die eklatanten Unterschiede angleichen und beide Systeme wären langfristig überlebensfähig.