ENTSTEHUNG VON VIRUSVARIANTEN

Die Corona-Pandemie ist ein dynamischer Prozess und wir müssen einfach schneller als das Virus sein.

Die Coronavirus-Pandemie COVID-19 bestimmt seit über anderthalb Jahren unser tägliches Leben. Derartige Seuchen gab es schon immer in der Menschheitsgeschichte: Pest, Cholera und zuletzt die Spanische Grippe vor 100 Jahren, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Rahmenbedingungen haben sich allerdings geändert. Unsere Mobilität hat den Ausbruch von COVID-19 schnell zu einem globalen Problem werden lassen. Das Coronavirus SARS-CoV-2 vermehrt sich in einer Dimension, die jegliche Vorstellungskraft sprengt. Und bei jeder Vermehrung des Virus können Veränderungen im Erbgut auftreten. Sind diese Veränderungen für das Virus von Vorteil, bleiben sie erhalten und eine neue Variante entsteht. SARS-CoV-2 findet also immer ein Schlupfloch, um zu überleben.

Warum kann sich SARS-CoV-2 derartig schnell anpassen? Das liegt an dessen einfacher Struktur. Die Erbinformationen sind als sogenannte „einzelsträngige RNA“ gespeichert. Verglichen mit „normalen Lebewesen“ sind die Erbinformationen eines RNA-Virus extrem störanfällig. Bei normalen (höheren) Lebewesen wie dem Menschen ist der genetische Code wie auf einer Computer-Festplatte gespeichert. Es existiert immer eine zweite Festplatte als Backup, in der Natur als „doppelsträngige DNA“. Vermehrt sich eine menschliche Zelle, beispielsweise bei Haarwuchs, werden die Erbinformationen ohne Fehler kopiert und an die neue Zelle weitergegeben. SARS-CoV-2 verwendet dafür RNA. Diese RNA ist von der Natur eigentlich nur für den „Kurzzeitgebrauch“ vorgesehen ist und zwar für den Transport einzelner Bauanleitungen vom Zellkern zu „Eiweiß-/Protein-Produzenten“ innerhalb einer Zelle, auch als Transkription bzw. Translation bezeichnet (s. Abbildung). Damit lässt sich die RNA am besten mit einem USB-Stick oder den früher üblichen Disketten vergleichen. Ein Defekt im genetischen Code der RNA ist harmlos. RNA wird sofort nach Gebrauch wieder abgebaut und speichert keine Langzeit-Informationen wie die stabilere DNA. Deshalb sind auch keine Backup-Systeme vorgesehen.

SARS-CoV-2 nutzt die Vorteile der RNA als Gen-Speicher: 1. RNA lässt sich sehr schnell kopieren. 2. Zufällige Kopierfehler kann das Virus nutzen, um sich seiner Umgebung besser anzupassen. Die Folgen: 1. Eine rasante Vermehrung des Virus. 2. Eine rasante Anpassung an das Immunsystem des Menschen. Diese „Evolution im Zeitraffer“ führt zu neuen und aggressiveren Varianten. Gutes Beispiel ist die brasilianische Stadt Manaus. Dort bestand eine sogenannte Herdenimmunität. Etwa 75% der Bevölkerung waren bereits an COVID-19 erkrankt. Dann bildete sich dort die Gamma-Variante und setzte sich massiv durch. Gegenüber der alten Variante immunisierte Personen sind vor Gamma nur teilweise geschützt. Mittlerweile existieren neben Gamma noch andere Varianten, die sich dem menschlichen Immunsystem entziehen können.

Gegenwärtig werden die Impfstoffe an neue Varianten angepasst und in Kürze auch getestet. Allerdings müssen wir realistisch sein. Dieses neue Coronavirus wird nicht wieder verschwinden. Dafür ist es zu spät und unsere Welt zu mobil. Irgendwo auf der Erde wird SARS-CoV-2 immer ein Nest finden und weiter mutieren. Selbst Tiere kann es zum Überleben nutzen. Deshalb in Panik zu verfallen, ist vollkommen sinnlos. Wir müssen uns mit SARS-CoV-2 arrangieren und intelligente Strategien entwickeln. Seuchen dieser Art gab es schon immer und wird es auch in Zukunft immer geben.

COVID-19 Impfung

Die COVID-19 Impfung ist eine Grundvoraussetzung zur Bekämpfung der Pandemie.

Die aktuellen Impfstoffe sind noch auf das ursprüngliche Wuhan-Virus „programmiert“. Diese Impfungen sind trotzdem sehr wichtig, auch wenn sie keinen 100%-igen Schutz vor einer Infektion mit neuen SARS-CoV-2-Varianten bewirken. Der Krankheitsverlauf nach einer Impfung ist deutlich milder, in der Regel ohne schwerwiegende Komplikationen. Der Nutzen einer COVID-19 Impfung ist deutlich höher als deren Nebenwirkungen. 

Bei Jugendlichen und Kindern ist die Situation komplizierter. Diese erkranken in der Regel nur leicht und ein schwerer Verlauf ist die Ausnahme. Damit stellt sich auch die Frage, ob Kinder und Jugendliche grundsätzlich geimpft werden müssen. Hier die Fakten:

Die Impfung mit Corminaty (RNA-Impfstoff BioNTech/Pfizer) wurde an 2.260 Jugendlichen zwischen 12 und 15 Jahren untersucht. Von 1.131 geimpften Jugendlichen entwickelte niemand eine COVID-19 Erkrankung. Im Vergleich erkrankten 16 der 1.129 Jugendlichen ohne Impfung (Kontrollgruppe). Folglich konnte die Studie eine Wirksamkeit von 100% nachweisen.

New England Journal Medicine vom 27.05.2021 und Deutsche Ärztezeitung vom 28.05.2021

Wie erwartet verhindert eine RNA-Impfung auch bei Jugendlichen den Ausbruch von COVID-19. Eine Fallzahl von etwa 1.131 geimpften Jugendlichen ist allerdings nicht ausreichend, um seltenere schwere Nebenwirkungen zu erfassen. Zudem existieren keinerlei Informationen über mögliche Langzeitschäden. Damit ist nicht belegt, ob Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankungen überhaupt von einer COVID-19 Impfung profitieren.

In der Konsequenz hatte sich die STIKO (Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut) ursprünglich entschlossen, keine generelle COVID-19-Impfempfehlung für Jugendliche und Kinder ab 12 Jahren abzugeben. Wohlgemerkt galt das nicht für Jugendliche und Kinder mit Vorerkrankungen. In diesen Fällen ist eine Impfung möglicherweise dringend zu empfehlen. Das ist aber eine individuelle Entscheidung. Es gilt immer das Prinzip der Nutzen-Risiko-Abwägung. Der Nutzen muss immer höher als das Risiko sein.

Mittlerweile hat sich die STIKO dem politischen Druck seitens der Regierungsparteien gebeugt und die generelle Impfung für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren empfohlen. So gibt es mittlerweile mehr Daten zur Sicherheit der Impfung in dieser Altersgruppe. Die Risiken scheinen gering zu sein. Ausserdem berücksichtigt die STIKO bei ihrer Empfehlung auch die psychosozialen Folgen einer COVID-19 Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. 

Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung muss jeder selbst fällen. Keinesfalls darf gesellschaftlicher Druck ausgeübt werden. Eine Impfung ist Selbstschutz. Jeder hat die Möglichkeit, sich durch eine Impfung gegen COVID-19 schützen. Dafür müssen keine Kinder und Jugendliche geimpft werden. Unabhängig von der Impfung müssen aber auch zuverlässige und einfache Testsysteme gerade für Schulen und Kitas zur Verfügung stehen. Gleiches gilt für Entlüftungs- bzw. Luftreinigungskonzepte. Die Impfung ist eine Voraussetzung, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Allerdings ist die Impfung alleine längst nicht ausreichend. Sie ist ein wichtiger Baustein. Impfresistente Virusvarianten, Impfversager, nachlassender Impfschutz und Personengruppen ohne Impfmöglichkeiten wie Kinder unter 12 Jahren sind nur einige Beispiele, warum ergänzende Strategien erforderlich sind.